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Dr. Dr. Guido Strunk

Dissertation Strunk Dissertationsthema: Die Komplexitätshypothese der Karriereforschung

 

Zugl.: Dortmund, Univ., Diss., 2008

 

Detailinformationen:

Eine Behauptung zieht sich wie ein roter Faden durch die Karriereforschung: Karrieren werden immer komplexer. Einige Forscher betrauern bereits den Tod der Karriere. Die in diesem Buch dargestellten Analysen zeigen aber, dass die Zahl der Arbeitsplatzwechsel in den letzten 30 Jahren gar nicht zugenommen hat. Gibt es die viel beschworene Komplexität in neuen Karrieren gar nicht? Dass Karrieren in den letzten 30 Jahren tatsächlich komplexer geworden sind, wird erst sichtbar, wenn man genauer hinschaut. Erst mit den Methoden der Chaosforschung lässt sich zeigen, was bisher nur vermutet wurde. Karrieren werden zunehmend weniger planbar. Auch wenn die Zahl der Arbeitsplatzwechsel sich nicht wesentlich erhöht hat, sind die Unterbrechungen in der Karriere heute weniger vorhersehbar als früher.

 

ISBN: 978-3631584798

 

 

Rezension:

Der promovierte Psychologe und nunmehr auch promovierte Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler Guido Strunk gehört seit den 1990er Jahren zu den Pionieren im Bereich der Chaosforschung in Psychotherapie, Gruppenforschung, Kommunikationsprozessen, Emotionsdynamik und Karriereforschung. Mit dem bei Peter Lang erschienen Buch „Die Komplexitätshypothese der Karriereforschung“ legt Guido Strunk ein Werk vor, welches bahnbrechend für die empirische Anwendung komplexitätswissenschaftlicher Ansätze in der wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Forschung ist (das Buch ist zugleich seine Dissertationsschrift an der TU Dortmund). Die Organisationsentwicklung im Allgemeinen ist ein interdisziplinär geprägtes Forschungsfeld, welches spätestens seit Kurt Lewins 3-Phasen-Modell (Unfreezing/ Moving/ Refreezing) stark von psychologischen Ansätzen beeinflusst ist. Ein zentraler Begriff der Organisationsentwicklung ist jener der „Karriere“, die im Rahmen der Personalwirtschaft, insbesondere der Personalentwicklung, eine wichtige Rolle spielt.

Im ersten Teil des Buches arbeitet Guido Strunk die dynamische Perspektive der Karriereforschung heraus. Während „Karriere“ ökonomisch betrachtet die zeitliche Akkumulation von marktorientiertem Humankapital bei Beschäftigten bezeichnet, untersucht die sozialpsychologische Sicht das Wechselspiel von Rollenerwartungen, Rollenanforderungen und Individuum. Den unterschiedlichen Sichtweisen ist die Postulierung von Karrieremustern gemein und die Annahme, dass Karrieren in den letzten Jahrzehnten komplexer geworden sind sowie in Zukunft kaum mehr den klassischen Karrierepfaden ähneln werden. Dieser Komplexitätshypothese steht hingegen wenig belastbares empirisches Material gegenüber. Ein Mangel an Längsschnittstudien und methodische Defizite bei der Operationalisierung von Komplexität sorgen dafür, dass die Komplexitätshypothese – so Strunk - bislang nicht über den Status einer Vermutung hinaus gekommen ist. Die Präzisierung des Komplexitätsbegriffes im ersten Teil lautet: „Die dem Konzept der Entropie zugrunde liegende Kernfrage lautet: Wie stark ist ein nachfolgender Systemzustand von der Vergangenheit des Systems abhängig? Oder anders formuliert: Lässt sich aus dem bisherigen Karriereverlauf einer Person eine Prognose für den weiteren Verlauf abgeben? Gelingt diese Prognose, so handelt es sich um eine „ordentliche Karriere“ (Orderly Career). Physikalisch gesprochen wäre die Entropie in diesem Fall gering. Liegt die Prognose jedoch mehr oder weniger daneben, so ist die Quantifizierung dieses Mehr oder Weniger ein Maß für die Komplexität der Karriere.“ (S. 60)

Im zweiten Teil des Buches vertieft er die Operationalisierung von Komplexität. Mit gebotener Ausführlichkeit diskutiert Guido Strunk den Komplexitätsbegriff und entwickelt die zuvor genannte erste Präzisierung auf Grundlage der Theorien Nichtlinearer Dynamischer Systeme weiter:

„Unter Komplexität wird ein dynamischer Prozess verstanden, der mit dem Phänomen des deterministischen Chaos im Einklang steht. Die Komplexität eines Prozesses ist durch das Ausmaß gegeben, mit dem sich der Prozess von trivialen Prozessen unterscheidet und sich damit einem Zufallsprozess annähert. Je näher ein Prozess an den Zufall heranreicht, desto komplexer ist er. Wichtig ist jedoch der Umstand, dass er hinreichend gut vom Zufall unterschieden werden kann. Denn Zufall ist mit Komplexität (so wie sie hier verstanden werden soll) nicht vereinbar.“ (S. 204)

Anders als viele Vorgänger in der Karriere- und Komplexitätsforschung geht Strunk über die bloße Nennung einer Definition hinaus und bietet insgesamt fünf verschiedene konkrete Möglichkeiten zur Messung von Komplexität in Karrieren an. Diese fünf Operationalisierungen für Komplexität werden ausführlich und gut nachvollziehbar dargestellt. Sie umfassen statistische Verfahren mit so schillernden Namen, wie der klassischen Informationsdefinition nach Claude Shannon, der Grammar Complexity, der Korrelationsdimension, Komplexitätsmaße auf Grundlage von Recurrence Plots, der Permutationsentropie und des BDS-Tests. Es ist erstaunlich, dass diese Methoden, die nicht schwieriger zu rechnen sind, als klassische statistische Testverfahren, nicht schon längst zum Methodenkanon der Sozialwissenschaften gehören. Strunk stellt die Verfahren anschaulich in ihren Grundideen und ihrer Methodik dar. Damit ist ihm ein umfassender und derzeit einmaliger Überblick über die Methoden der Komplexitätsforschung gelungen.

Die fünf Annäherungen an die Messung von Komplexität stellen ein mathematisches durchdachtes und in sich schlüssiges Konzept dar. Die Grundannahmen der Komplexitäts- und Chaosforschung werden strikt eingehalten und nicht zu Gunsten einer pragmatischen Herangehensweise geopfert.

Im dritten Teil des Buches überprüft Guido Strunk die Tragfähigkeit der definitorischen Präzisierungen und Operationalisierungen an konkreten Daten über Karrieren von Absolventinnen und Absolventen wirtschaftswissenschaftlicher Studiengänge. Die ausgearbeitete Methodik stellt durchaus hohe Anforderungen an die Datenquantität und qualität. Die empirische Untersuchung fußt auf Daten aus dem Vienna Career Panel Project (ViCaPP), in welchem Karriereverläufe von 1970 bis 2002 erfasst sind.

Der Vergleich von Karrieren, die mit dem Studienabschluss um 1970, 1990 und 2000 begannen, zeigt: Ja, Karrieren sind komplexer geworden. Die Karrieren seit 2000 sind nur mehr mit Mühe von Zufallsprozessen unterscheidbar. Darüber hinaus zeigt Guido Strunk eindrucksvoll, dass für die Messung von Komplexität die Berücksichtigung der Prozessdynamik (hier Karriereverlauf) unerlässlich ist und dass erst die Theorien Nichtlinearer Dynamischer System in der Lage sind, Merkmale von Komplexität messbar zu machen.

Abschließend bleibt festzuhalten, dass die Dissertation von Guido Strunk ein Meilenstein in der Anwendung der Theorien Nichtlinearer Dynamischer Systeme darstellt, dessen Konsequenzen noch nicht absehbar sind. Das Buch trägt dazu bei, komplexitätswissenschaftliche Ansätze in der wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Forschung zu etablieren.

Es ist ein wegweisender Schritt, Komplexität mit Rückgriff auf das deterministische Chaos der Theorien Nichtlinearer Dynamischer Systeme operational zu definieren. Es schafft einen neuartigen Bezugsrahmen für die Ordnung am Rande des Chaos, ein Instrumentarium organisationstheoretische Problemstellungen zu bearbeiten und ein Modellrahmen für die Weiterentwicklung der evolutorischen Ökonomik.

 

Quelle: Ewald Mittelstädt (2009) in Systeme, Jg. 23 (1), S. 122 – 124.



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